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Deutschland liegt auf dem Ludwigstraße zum Tag der Deutschen Einheit

posted 3 Oct 2012, 05:35 by Meriposa World   [ updated 3 Oct 2012, 05:55 ]

München, Deutschland 

In diesem Jahr richtet die Landeshauptstadt die Feiern zum Tag der Deutschen Einheit aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Joachim Gauck sind die Ehrengäste - und Tausende Münchner strömen auf die Feiermeile. Die Einheitsfeiern sind eine logistische und planerische Herausforderung. Das gilt erst recht, weil neben diesem Großereignis gleichzeitig das Oktoberfest stattfindet. Beim Festakt in der Staatsoper erinnert Bundestagspräsident Norbert Lammert an die europäische Dimension der deutschen Einheit - und fordert mehr Einsatz für Europa.

14:07 Uhr

Kabarettist Helmut Schleich steht auf der Bühne am Odeonsplatz. Er ist mal wieder in seine Paraderolle geschlüpft: in die des Franz Josef Strauß. Er wettert gegen den Einheitskanzler und die Schwarzen Kassen, gegen den "Magermilch-Ministerpräsident" Horst Seehofer und die CSU im Allgemeinen: "Die CSU muss mittlerweile schon Obstler ausschenken, damit sie überhaupt noch auf 50 Prozent kommt." Wenn Trachtengruppen vorbeiziehen, wird Schleich immer wieder übertönt. Als Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) in grauem Kostüm entlang kommt, ist gerade eine kurze Musikpause. Schleich wettert gerade über die Berliner Koalition. Aigner dreht sich erbost um und ruft: "Ach, das ist ja der Franz Josef!"

13:56 Uhr

Gauck, Merkel und Seehofer müssen noch arbeiten und sich Volkstänze anschauen - der Rest darf Bayerische Kost in Form eines Flying Buffets essen: Weißwurstcarpaccio, Fleischpflanzerl, Saibling, gekocht von Käfer. Und dann wird's noch richtig herzlich: Gauck spricht im Königssaal der Oper vor den Bürgerdelegationen, spricht von Einheit in Vielfalt, lobt ausgiebig und verspricht, von Tisch zu Tisch zu gehen - damit auch jeder ein Foto mit nach Hause bringen kann.

13:46 Uhr

Am Geschwister-Scholl-Platz steht ein Roboter, der an diesem Mittag die meisten Blicke auf sich zieht. Es sieht aus wie eine Sitzkaspel eines rasanten Oktoberfest-Fahrgeschäftes, doch es handelt sich um Robocaster - präsentiert vom bayerischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Mit dem 4D-Simulator der Firma Kuka kann man "Bayern aus einer neuen Perspektive erleben", so der Beschreibungstext. Der "Robocoaster" hat im Programm: ein Flug über die Zugspitze, eine Achterbahnfahrt oder eine Abfahrt auf der Kandahar-Skipiste. Wer es einmal ausprobieren will, muss allerdings Glück haben: Die Mitfahrplätze werden verlost.

13:36 Uhr

Die Ländermeile soll ausdrücken, dass Deutschland zusammengewachsen ist und immer weiter zusammenwächst. Doch an manchen Ständen werden Klischées eher bedient, als abgebaut. Vor dem Wolfsburger Stand steht in großen Buchstaben: "Autostadt". Die Berliner verkaufen Currywurst, die Thüringer Bratwurst, die Sachsen-Anhalter Harzer Käse. Im Hamburger Zelt spielen gerade "Die Herren Simple", eine Hamburger Indie-Band, die klingt wie Hamburger-Indie-Bands klingen. An der Außenseite zieren Hafenimpressionen das Zelt. Oft weiß der Besucher schon ehe er das Zelt betritt, was innen geboten ist.

13:09 Uhr

Uwe (ganz links im Bild) lebt in der östlichsten Stadt des Landes: in Görlitz. Jedes Jahr ist er beim Tag der Deutschen Einheit dabei. Er ist Mitglied der Landskorner Herolde, einer Truppe, die Fanfaren-Musik macht. Mehrmals müssen die Herolde an diesem Tag auf der Bühne vor dem Zelt des Zipfelbundes auftreten. Der Zipfelbund ist ein Zusammenschluss der vier Gemeinden an den äußerten Ecken des Landes: Görlitz im Osten, Oberstdorf im Süden, Selfkant im Westen und List im Norden. Wie ist es 22 Jahre nach der Einheit in der östlichsten Stadt des Landes zu leben? "Es wächst alles zusammen", sagt Uwe. Aber im Alltag überrasche ihn oft, wie viel Unverständnis noch herrsche. Er höre oft Sätze wie: "Oh, ich dachte, ihr sprecht polnisch, nicht deutsch."

13:02 Uhr

Was bedeutet die Einheit für die Menschen? In einem Film-Einspieler werden den Gästen des Festakts in der Staatsoper Biographien von Menschen vorgestellt und was sie mit dem vereinigten Deutschland verbinden. Dann tritt Norbert Lammert (CDU) ans Mikrofon und spricht eine halbe Stunde. Der Bundestagspräsident stellt Europa in den Mittelpunkt seiner Rede, denn "ohne die Überwindung der Spaltung Europas wäre die deutsche Einheit nicht möglich gewesen". Deshalb liege auch die Weiterentwicklung der Staatengemeinschaft im deutschen Interesse. Doch derzeit sei Europa vor allem mit negativen Begriffen belegt. Die europäische Idee sei aber mehr als eine Verwaltung, mehr als die viel gescholtene Bürokratie, mehr als Richtlinien und mehr als Verträge. Und sie ist auch mehr als der Euro", sagt Lammert - und mahnt, angesichts der Schuldenkrise nicht in nationalstaatliches Denken zurückzufallen. "Wenn der Integrationsprozess nicht weiter vorangeht, dann hätte Europa seine Zukunft hinter sich und jeder Staat dazu", sagt der Bundestagspräsident. Denn: Zusammen seien die EU-Mitglieder stärker als jeder alleine.

12:35 Uhr

Es ist eng auf der Ludwigstraße, Gedränge herrscht allerdings noch nicht. An den Biertischen sind noch einige Plätze frei. Und auf den Stufen der Bayerischen Staatsbibliothek, die an diesem Mittwoch geschlossen hat, findet sich immer ein freier Platz im Schatten. Eine Coverband spielt vor der Feldherrnhalle: "Don't worry, be happy." Die beliebtesten Präsente an den Ständen: bei den Kindern Luftballons, bei den Erwachsenen Stoffbeutel. "Aufbruch Bayern", "Land der Ideen" oder "www.datenschutz-bayern.de" steht darauf. Die Stofftüte der Bundeswehr ist grau, der Adler prankt darauf. Ob die Beutel auch nach dem heutigen Tag noch getragen werden?

12:32 Uhr

Auf der Ländermeile ist mittlerweile viel los. Sogar das Brandenburger Tor steht nun in München, zumindest eine Miniaturausgabe. Dennoch posieren die Besucher davor, als wäre es das echte. Jedes Bundesland macht nicht nur Werbung für seine Urlaubsregionen und bietet Prospekte feil, sondern verkauft auch die typischen Essenspezialitäten. Im Berliner Zelt gibt es Currywurst für 2,50 Euro. Im Thüringer Zelt natürlich Thüringer Rostbratwürste. Die Schlange davor ist lang, bis nach Rheinlandpfalz reicht sie.

12:28 Uhr

Mit einem "bayerischen Grüß Gott" begrüßt Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer den "hochverehrten Bundespräsidenten", die Kanzlerin, die Ministerpräsidenten und die anderen Ehrengäste. "1980, als ich in den Bundestag einzog, war Deutschland ein geteiltes Land und Berlin eine geteilte Stadt", sagt er. Seehofer, der am Nachmittag die Bundesratspräsidentschaft an seinen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann übergibt, erzählt dann von dem Augenblick, als er vom Fall der Mauer hörte. Damals, während einer Debatte im Bundestag, erfuhren die Parlamentarier von den Geschehnissen in Berlin. "Das ging unter die Haut", sagt Seehofer und erwähnt auch den "deutschen Patrioten" Helmut Kohl als Einheitskanzler. Schließlich lädt der Ministerpräsident die Gäste zu einem "Fest in Schwarz-Rot-Gold und unter blau-weißem Himmel" ein.

12:14 Uhr

In Sachen Promi-Bewirtung hat Michael Käfer ja nun wirklich Erfahrung wie kaum ein anderer Gastronom der Republik. Dennoch sei es auch für ihn "was absolut Besonderes", die gesamte Staatsspitze gleichzeitig bewirten zu dürfen. Die Staatskanzlei hatte das Catering für den Festakt und den anschließenden Empfang des Bundespräsidenten in der Oper zwar ganz offen ausgeschrieben. Da Käfer aber auch sonst Chefgastronom im Nationaltheater ist, hatte er bei der Ausschreibung einen unschlagbaren Startvorteil. Die Staatskanzlei gab ihm für die Bewirtung einen klaren Auftrag: "Wir dürfen nur bayerisch sein, weil wir auch zeigen wollen, wie professionell wir Bayern arbeiten können", sagt Käfer. Also gibt es aus allen Regionen des Freistaats Spezialitäten, allerdings recht verfeinert nach Art einer weiß-blauen Haute Cuisine: Vorneweg zum Beispiel Jachenauer Almkäse mit Senf-Gurken-Chutney, Tartar vom Chiemsee-Saibling und Carpaccio von der Weißwurst. Als warme Gerichte bekommen Gauck und Co. unter anderem Spanferkelrücken mit Kartoffelstampf, Ochsenbackerl mit Bratkartoffel und Saibling vom Königsee mit Kirschtomatenkompott serviert, zum Dessert natürlich Bayerisch Creme, aber auch Schokomousse mit Schoko-Crumble. Da der Präsident nur im Stehen seine Gäste empfängt, wird das Essen auf kleinen Silbertabletts in den Opernsälen gereicht.

12:06 Uhr

Genug Hände geschüttelt - für die obersten Repräsentanten des Staates beginnt nun der offizielle Festakt. Der eine oder andere Gast streckt noch schnell sein iPhone in die Höhe und knipst das Orchester der Staatsoper, das unter der Leitung von Kent Nagano die Feierstunde mit Auszügen aus der Oper "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss eröffnet.

11:56 Uhr

In der Staatsoper geht's zu wie bei einer Kindervorstellung von Hänsel und Gretel. Es gibt freie Platzwahl, allerdings nach einem ausgeklügelten Farbschema. Die ersten drei Reihen im Parkett sind der Staatsspitze vorbehalten, zu der heute auch Theo Waigel und Christian Ude gehören. Dahinter haben sich schon pünktlich Hans-Jochen Vogel, Max Mannheimer, Roland Berger und Otto Wiesheu platziert. Der Frauenanteil im Parkett: maximal 15 Prozent. Auch Stoiber darf noch in die erste Reihe, zwischen Finanzminister Wolfgang Schäuble und die saarländische Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer. Er redet intensiv auf Westerwelle ein, der zufällig vorbei kommt - doch dann kommt das Orchester.

11:38 Uhr

Ministerpräsident Horst Seehofer ist ja neuerdings auch Klassik-Fan, weshalb es ihm ein Anliegen war, dass die besten Musiker, die im Dienste des Staates stehen, beim Festakt spielen. Also tritt das Bayerische Staatsorchester unter Kent Nagano auf, mit einem Programm, das ein bisschen münchnerisch, vor allem aber sehr deutsch ist. Gespielt werden Auszüge aus dem "Rosenkavalier" von Richard Strauss sowie - fast unvermeidlich - der Schlusssatz aus Beethovens 9. Sinfonie. Für die Bediensteten der Staatsoper bedeutet die Einheitsfeier im eigenen Haus puren Stress. Das Nationaltheater wird zum Hochsicherheitstrakt, selbst die Angestellten brauchen eine Akkreditierung, die es aber nur für wenige Auserwählte gibt. Und von 16 Uhr an muss die Oper wieder für den Normalbetrieb umgerüstet werden: Um 20 Uhr soll sich der Vorhang für die Repertoire-Aufführung von "Fidelio" heben.

11:32 Uhr

Angela Merkel, Joachim Gauck, Horst und Karin Seehofer kommen die Dienerstraße entlang, nur noch wenige Meter bis zur Oper. Die Gebirgsschützen geben ein schnelles Geh-Tempo vor. Seehofer hält mit großen Schritten mit. Merkel und Gauck sehen schon ein wenig erschöpft aus. Dennoch schert Merkel kurz aus, redet kurz mit einer Anhängerin und holt mit raschen Schritten wieder auf. Am Rand säumen Menschen den Weg. Sie applaudieren freundlich, aber verhalten. "Endlich ist mal was los in diesem verschlafenen Nest", ruft einer. Ein anderer, offensichtlich ein italienischer Tourist, sagt: "Bella Monaco!" Er bezieht sich aber eher auf das Wetter als auf den Auflauf der Politiker.

11:30 Uhr

Am Marienplatz gibt's Fotopause für die Presse. Tatsächlich kommen ein paar Politiker mit den Bürgern ins Gespräch - Verteidigungsminister Thomas de Maizière zum Beispiel. Ein gutes Motiv für die zahlreichen Hobbyfotografen: Merkel im Sonnenlicht vor dem Glockenspiel.

11:24 Uhr

Tausende Münchnerinnen und Touristinnen tragen an diesem Mittwoch Dirndl in der Stadt. Es ist Oktoberfest. Doch diese vier Frauen fallen mit ihren Trachten sofort ins Auge. Vor allem wegen ihren schleierartigen Kopfschmuckes. Die Frauen kommen aus Brandenburg und tragen die Niederlausitzer Tracht. Später werden sie einen großen Auftritt haben. Beim Festakt im Nationaltheater repräsentieren sie ihr Bundesland und tanzen vor Gauck & Co. die Annemariepolka. "Da bekommen wir noch Unterstützung von zwei Männer", sagen sie. Man darf gespannt sein, wie deren Tracht aussieht.

Süddeutsche Zeitung, Oktober 3, 2012

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