Die harte Arbeit hat sich gelohnt. Eine Stunde lang mühte sich der große
Favorit im Viertelfinale gegen Griechenland, aber dann war der Gegner müde und
der Weg frei für einen hochverdienten 4:2-Sieg, der die Deutschen ins Halbfinale
am Donnerstag (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) führte, entweder gegen
Italien oder England.
Kapitän Philipp Lahm hatte das deutsche Team vor der Pause in Führung
gebracht (39. Minute), der Ausgleich durch Giorgos Samaras irritierte die
Deutschen dann fast überhaupt nicht (55.). Der herausragende Sami Khedira
erzielte nur sechs Minuten später die abermalige Führung, und dann machten die
Deutschen mit einem müden und entmutigten Gegner, was sie so gerne wollten.
Sie beherrschten die Partie nach Belieben und bezauberten ihre Fans mit
Kombinationsfußball und Konsequenz. Zwei der neuen Kräfte in der
Anfangsformation, Miroslav Klose (68.) und Marco Reus (74.), machten bei einem
letzten Gegentreffer von Salpingidis (88., Handelfmeter) mit ihren Toren den
Erfolg perfekt – und verschafften ihrem Trainer auch das gute und sichere
Gefühl, mit seinen Personalentscheidungen genau richtig gelegen zu haben.
Denn die Startaufstellung des Bundestrainers nur eine Überraschung zu
nennen, wäre eine Untertreibung gewesen. Die Veränderungen waren so umfassend,
dass er damit auch die eigenen Spieler verblüfft bis irritiert haben dürfte –
je nachdem, wo sie sich beim Anpfiff wiederfanden. Am Ende aber lagen sich alle
in den Armen. Eine so umfassende Rotation hatte der Bundestrainer jedenfalls
noch bei keinem Turnier vorgenommen, nicht einmal bei Qualifikationsspielen.
Löw hatte mit Gomez, Podolski und Müller gleich auf drei Stammkräfte
verzichtet und sich damit auch von seiner jahrelangen Gewohnheit, in wichtigen
Partien seinem bewährten Personal zu vertrauen. Gomez hatten drei Tore und eine
Vorlage bei der EM nicht zur persönlichen Qualifikation gereicht, Podolski und
Müller waren erstmals in ihrer Karriere bei einem großen Turnier nicht von
Anfang an dabei.
Die ganz große Lösung mit einer komplett erneuerten Offensive hatte für
Löw-Verhältnisse etwas Revolutionäres an sich. So viel Mut zum Risiko hatte man
bei ihm lange nicht mehr erlebt – dem Konkurrenzkampf in Richtung Halbfinale
dürfte die Maßnahme jedenfalls auch nicht geschadet haben.
Dass der eingesprungene Bender seinen Platz wieder an Boateng nach dessen
abgelaufener Sperre abtreten musste, war da gar nicht mehr der Rede wert. Aber
aller Veränderungswille konnte nichts daran ändern, dass gegen Griechenland
lange Schwerstarbeit und viel Geduld gefragt waren.
Die Deutschen verschludern
hochklassige Chancen
Es hätte vieles leichter gemacht, wenn der Treffer von Klose in der vierten
Minute nicht wegen Abseits aberkannt worden wäre. Klose war tatsächlich ein
Schrittchen zu sehr voraus. Als dann aber auch noch Reus in der 12. Minute nach
einer schönen Kombination über Khedira verzog, entwickelte sich das Spiel zunächst
so, wie es sich die Griechen gewünscht hatten.
Sie nahmen den Schwung aus den deutschen Angriffen und positionierten sich
nach der ersten Verwirrung stabiler. Die deutsche Kombinationsgabe war trotzdem
noch immer groß genug, um sich Weg durch das griechische Dickicht zu bahnen.
Als sein Team aber zwischen der 23. und 25. Minuten drei zum Teil hochklassige
Chancen verschluderte, schien Löw an der Seitenlinie fast verrückt zu werden.
Die Griechen machen ihre
Sache geschickt
Die belebenden Elemente, die zunächst Reus auf der rechten Seite ins Spiel
brachte, nach Anfangsschwierigkeiten dann auch Schürrle auf der anderen, waren
nicht zu übersehen – aber was fehlte, war zunächst wieder einmal die Konsequenz
und Effizienz vor dem Tor.
Die Griechen machten ihre Sache geschickt, sie setzten immer wieder giftig
zu Kontern an und schafften es dabei viel zu oft, die deutsche Defensive in
Eins-zu-Eins-Situationen zu verwickeln. Dies lag nicht zuletzt an mangelnder
Präzision im deutschen Aufbau- und Mittelfeldspiel.
Lahms Tor erinnert an das
WM-Auftaktspiel 2006
Ein müde wirkender Schweinsteiger leistete sich immer wieder Fehlpässe,
auch Badstuber erging es in der Abwehr so und Schürrle im Angriff – und ohne
Müller und Podolski besaß das deutsche Spiel damit weniger Ballsicherheit als
zuletzt, trotz jeder Menge Ballbesitz fehlte so eine Stunde lang die umfassende
Spielkontrolle.
Die kurzzeitige Erlösung kam dann, trotz einer neuen Offensivreihe, aus der
Abwehr. Lahm machte sich einen der wenigen griechischen Stellungsfehler mit
einer geschickten Ballannahme zunutze und verschaffte sich clever den nötigen
Raum. Sein herrlicher Schuss aus rund zwanzig Metern erinnerte an seinen Treffer
beim WM-Auftaktspiel 2006.
Der große Favorit
Deutschland behält die Ruhe
Zehn Minuten nach der Pause waren die Deutschen jedoch wieder ganz am
Anfang ihrer Bemühungen angelangt. Ein Fehlpass von Schürrle setzte Lahm einem
Eins-zu-Eins-Duell auf der linken Abwehrseite gegen Salpingidis aus, dessen
Zuspiel Samaras am verdutzten Boateng vorbei aus fünf Metern über die Linie
drückte – so leicht ließen sich die Griechen dann auch von den Deutschen nicht
aus der Euro vertreiben.
Aber der große Favorit behielt die Ruhe. Es dauerte nur sechs Minuten und
die Deutschen hatten sich ihre Führung zurückgeholt. Eine gefühlvolle Flanke
wuchtete der überragende Khedira aus wenigen Metern volley unter die Latte. Das
war dann auch für die großen Widerstandskämpfer dieser EM zuviel.
Ein wunderbarer deutscher
Fußballabend
Ihr Elan und ihre Konzentration erlahmten allmählich. Nach einem Freistoß
von Özil erzielte Klose mit einem Kopfball das 3:1, und kurz darauf machte Reus
mit einem herrlichen Treffer den wunderbaren deutschen Fußballabend perfekt.
Daran konnte auch das 2:4 durch einen zweifelhaften Handelfmeter von
Salpingidis ganz kurz vor Schluss nichts mehr ändern.
Von Michael Horeni, Danzig, 22 Juni 2012