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Deutschland in Halbfinale nach 4:2 gegen Griechenland

posted 22 Jun 2012, 18:47 by Meriposa World   [ updated 22 Jun 2012, 18:47 ]

Die harte Arbeit hat sich gelohnt. Eine Stunde lang mühte sich der große Favorit im Viertelfinale gegen Griechenland, aber dann war der Gegner müde und der Weg frei für einen hochverdienten 4:2-Sieg, der die Deutschen ins Halbfinale am Donnerstag (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) führte, entweder gegen Italien oder England.

Kapitän Philipp Lahm hatte das deutsche Team vor der Pause in Führung gebracht (39. Minute), der Ausgleich durch Giorgos Samaras irritierte die Deutschen dann fast überhaupt nicht (55.). Der herausragende Sami Khedira erzielte nur sechs Minuten später die abermalige Führung, und dann machten die Deutschen mit einem müden und entmutigten Gegner, was sie so gerne wollten.

Sie beherrschten die Partie nach Belieben und bezauberten ihre Fans mit Kombinationsfußball und Konsequenz. Zwei der neuen Kräfte in der Anfangsformation, Miroslav Klose (68.) und Marco Reus (74.), machten bei einem letzten Gegentreffer von Salpingidis (88., Handelfmeter) mit ihren Toren den Erfolg perfekt – und verschafften ihrem Trainer auch das gute und sichere Gefühl, mit seinen Personalentscheidungen genau richtig gelegen zu haben.

Denn die Startaufstellung des Bundestrainers nur eine Überraschung zu nennen, wäre eine Untertreibung gewesen. Die Veränderungen waren so umfassend, dass er damit auch die eigenen Spieler verblüfft bis irritiert haben dürfte – je nachdem, wo sie sich beim Anpfiff wiederfanden. Am Ende aber lagen sich alle in den Armen. Eine so umfassende Rotation hatte der Bundestrainer jedenfalls noch bei keinem Turnier vorgenommen, nicht einmal bei Qualifikationsspielen.

Löw hatte mit Gomez, Podolski und Müller gleich auf drei Stammkräfte verzichtet und sich damit auch von seiner jahrelangen Gewohnheit, in wichtigen Partien seinem bewährten Personal zu vertrauen. Gomez hatten drei Tore und eine Vorlage bei der EM nicht zur persönlichen Qualifikation gereicht, Podolski und Müller waren erstmals in ihrer Karriere bei einem großen Turnier nicht von Anfang an dabei.

Die ganz große Lösung mit einer komplett erneuerten Offensive hatte für Löw-Verhältnisse etwas Revolutionäres an sich. So viel Mut zum Risiko hatte man bei ihm lange nicht mehr erlebt – dem Konkurrenzkampf in Richtung Halbfinale dürfte die Maßnahme jedenfalls auch nicht geschadet haben.

Dass der eingesprungene Bender seinen Platz wieder an Boateng nach dessen abgelaufener Sperre abtreten musste, war da gar nicht mehr der Rede wert. Aber aller Veränderungswille konnte nichts daran ändern, dass gegen Griechenland lange Schwerstarbeit und viel Geduld gefragt waren.

Die Deutschen verschludern hochklassige Chancen

Es hätte vieles leichter gemacht, wenn der Treffer von Klose in der vierten Minute nicht wegen Abseits aberkannt worden wäre. Klose war tatsächlich ein Schrittchen zu sehr voraus. Als dann aber auch noch Reus in der 12. Minute nach einer schönen Kombination über Khedira verzog, entwickelte sich das Spiel zunächst so, wie es sich die Griechen gewünscht hatten.

Sie nahmen den Schwung aus den deutschen Angriffen und positionierten sich nach der ersten Verwirrung stabiler. Die deutsche Kombinationsgabe war trotzdem noch immer groß genug, um sich Weg durch das griechische Dickicht zu bahnen. Als sein Team aber zwischen der 23. und 25. Minuten drei zum Teil hochklassige Chancen verschluderte, schien Löw an der Seitenlinie fast verrückt zu werden.

Die Griechen machen ihre Sache geschickt

Die belebenden Elemente, die zunächst Reus auf der rechten Seite ins Spiel brachte, nach Anfangsschwierigkeiten dann auch Schürrle auf der anderen, waren nicht zu übersehen – aber was fehlte, war zunächst wieder einmal die Konsequenz und Effizienz vor dem Tor.

Die Griechen machten ihre Sache geschickt, sie setzten immer wieder giftig zu Kontern an und schafften es dabei viel zu oft, die deutsche Defensive in Eins-zu-Eins-Situationen zu verwickeln. Dies lag nicht zuletzt an mangelnder Präzision im deutschen Aufbau- und Mittelfeldspiel.

Lahms Tor erinnert an das WM-Auftaktspiel 2006

Ein müde wirkender Schweinsteiger leistete sich immer wieder Fehlpässe, auch Badstuber erging es in der Abwehr so und Schürrle im Angriff – und ohne Müller und Podolski besaß das deutsche Spiel damit weniger Ballsicherheit als zuletzt, trotz jeder Menge Ballbesitz fehlte so eine Stunde lang die umfassende Spielkontrolle.

Die kurzzeitige Erlösung kam dann, trotz einer neuen Offensivreihe, aus der Abwehr. Lahm machte sich einen der wenigen griechischen Stellungsfehler mit einer geschickten Ballannahme zunutze und verschaffte sich clever den nötigen Raum. Sein herrlicher Schuss aus rund zwanzig Metern erinnerte an seinen Treffer beim WM-Auftaktspiel 2006.

Der große Favorit Deutschland behält die Ruhe

Zehn Minuten nach der Pause waren die Deutschen jedoch wieder ganz am Anfang ihrer Bemühungen angelangt. Ein Fehlpass von Schürrle setzte Lahm einem Eins-zu-Eins-Duell auf der linken Abwehrseite gegen Salpingidis aus, dessen Zuspiel Samaras am verdutzten Boateng vorbei aus fünf Metern über die Linie drückte – so leicht ließen sich die Griechen dann auch von den Deutschen nicht aus der Euro vertreiben.

Aber der große Favorit behielt die Ruhe. Es dauerte nur sechs Minuten und die Deutschen hatten sich ihre Führung zurückgeholt. Eine gefühlvolle Flanke wuchtete der überragende Khedira aus wenigen Metern volley unter die Latte. Das war dann auch für die großen Widerstandskämpfer dieser EM zuviel.

Ein wunderbarer deutscher Fußballabend

Ihr Elan und ihre Konzentration erlahmten allmählich. Nach einem Freistoß von Özil erzielte Klose mit einem Kopfball das 3:1, und kurz darauf machte Reus mit einem herrlichen Treffer den wunderbaren deutschen Fußballabend perfekt. Daran konnte auch das 2:4 durch einen zweifelhaften Handelfmeter von Salpingidis ganz kurz vor Schluss nichts mehr ändern.

Von Michael Horeni, Danzig, 22 Juni 2012

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